In der deutschen Wirtschaft fehlen rund 109.000 IT-Fachkräfte. Die Zahl liegt deutlich unter dem Höchststand von 149.000 vor zwei Jahren, und trotzdem ist die Lage für Arbeitgeber nicht einfacher geworden. Warum das kein Widerspruch ist und was daraus für die Besetzung offener Stellen folgt.
Die Zahlen im Überblick
Grundlage ist der Studienbericht des Digitalverbands Bitkom zum Arbeitsmarkt für IT-Fachkräfte, für den 855 Unternehmen ab drei Beschäftigten befragt wurden. Die zentralen Befunde:
- Rund 109.000 offene IT-Stellen in deutschen Unternehmen
- Im Schnitt vergehen fast acht Monate, bis eine offene IT-Position neu besetzt ist
- 85 Prozent der Unternehmen beklagen einen Mangel an IT-Fachkräften, nur 4 Prozent sehen ein Überangebot
- Etwa jedes vierte Unternehmen erhält auf ausgeschriebene IT-Stellen praktisch keine Bewerbungen
- Besonders gefragt bleiben Softwareentwicklung, IT-Sicherheit und Datenanalyse
Warum der Rückgang keine Entspannung ist
Der Weg von 149.000 auf 109.000 offene Stellen sieht nach Erleichterung aus. Der Bitkom ordnet ihn allerdings anders ein: Der Rückgang erklärt sich eher durch eine schwächere Konjunktur und zurückhaltende Neueinstellungen als durch ein wachsendes Angebot an Fachkräften. Es sind also weniger Stellen ausgeschrieben, nicht mehr Kandidaten verfügbar.
Der aussagekräftigere Wert ist deshalb die Besetzungsdauer. Knapp acht Monate im Schnitt bedeuten für ein Unternehmen mit drei offenen Entwicklerstellen: Über ein halbes Jahr ruhen Aufgaben oder verteilen sich auf ein Team, das ohnehin ausgelastet ist. In spezialisierten Bereichen, Cloud Security, ML Engineering, verteilte Systeme, liegen die Zeiten noch darüber.
Die Kennzahl, die zählt
Nicht „wie viele Bewerbungen bekommen wir", sondern „wie viele Wochen vergehen zwischen Freigabe der Stelle und Vertragsunterschrift". Diese Zahl lässt sich beeinflussen, die Zahl der offenen Stellen bundesweit nicht.
Der eigentliche Engpass liegt vor der Auswahl
Der auffälligste Befund der Studie ist der mit dem geringsten Aufmerksamkeitsanteil: Rund jedes vierte Unternehmen erhält auf IT-Stellen faktisch keine Bewerbungen. Das verschiebt die Problemstellung grundlegend. Es geht nicht darum, aus einem schwachen Bewerberfeld die beste Person auszuwählen. Es gibt schlicht kein Feld.
Für die Praxis folgt daraus, dass klassische Stellenausschreibung als alleiniger Kanal in Engpassrollen nicht mehr funktioniert. Wer ausschreibt und wartet, erreicht den Teil des Marktes, der aktiv sucht. Bei erfahrenen Spezialisten ist das ein kleiner Ausschnitt. Der größere Teil ist zufrieden beschäftigt und liest keine Jobbörsen. Diesen Personenkreis erreicht man nur über gezielte Direktansprache.
Vier Stellschrauben, die tatsächlich wirken
1. Anforderungsprofil auf das Notwendige reduzieren
Der häufigste Grund für ausbleibende Bewerbungen ist eine Anforderungsliste, die mehrere seltene Skills kombiniert. Jeder zusätzliche Pflicht-Skill verkleinert den erreichbaren Personenkreis multiplikativ. Die produktivste Stunde im gesamten Prozess ist die, in der Sie mit der Führungskraft durchgehen, welche Anforderungen wirklich am ersten Tag vorhanden sein müssen und welche in drei Monaten aufgebaut werden können.
2. Gehaltsband ehrlich gegen den Markt prüfen
Gehaltsvorstellungen, die nicht zum gewachsenen Gefüge im Unternehmen passen, gehören laut Bitkom zu den meistgenannten Hürden. Das ist selten ein Verhandlungsproblem, sondern meist ein Kalibrierungsproblem: Das Band wurde vor zwei Jahren festgelegt und seitdem nicht angepasst. Ein Marktabgleich vor der Ausschreibung kostet wenig und verhindert eine Suche, die von Beginn an nicht aufgehen kann.
3. Prozessgeschwindigkeit als Wettbewerbsfaktor behandeln
Gute Kandidaten in Engpassrollen sind selten länger als zwei bis drei Wochen am Markt. Wer drei Gesprächsrunden über sechs Wochen verteilt, verliert nicht gegen das bessere Angebot, sondern gegen das schnellere. Zwei Runden innerhalb von zehn Tagen sind in fast jeder Organisation machbar, wenn die Termine vorab geblockt sind.
4. Internationale Kandidaten ernsthaft in Betracht ziehen
Fehlende Deutschkenntnisse werden regelmäßig als Hürde genannt. In Berliner Tech-Teams, die ohnehin auf Englisch arbeiten, ist diese Anforderung häufig ein Reflex und keine echte Notwendigkeit. Wer sie streicht, vergrößert den Pool erheblich, muss dafür aber Onboarding, Visa-Prozess und Relocation tatsächlich unterstützen und nicht nur erlauben.
Der Blick nach vorn
Längerfristige Prognosen deuten nicht auf Entspannung hin: Der demografische Wandel entzieht dem Arbeitsmarkt jedes Jahr netto mehrere Hunderttausend Arbeitskräfte, und die Zahl der Informatik-Studienanfänger wächst zu langsam, um das auszugleichen. Der überwiegende Teil der befragten Unternehmen rechnet damit, dass sich die Lage verschärft.
Gleichzeitig verändert sich die Nachfrage. Durch den seit August 2026 durchsetzbaren EU AI Act entstehen Rollen im Bereich Governance und Compliance, für die es kaum eingeübte Karrierewege gibt. Mehr dazu in unserem Beitrag zu neuen Rollen durch den EU AI Act.
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