Recruiting

IT-Fachkräftemangel 2026: Warum 79.000 offene Stellen schwerer zu besetzen sind als 149.000

Siamak Mohtachemi•12. August 2026
IT-Fachkräftemangel 2026: Warum 79.000 offene Stellen schwerer zu besetzen sind als 149.000

Zuletzt aktualisiert: 12. August 2026

In der deutschen Wirtschaft fehlen rund 79.000 IT-Fachkräfte. Innerhalb von drei Jahren hat sich die Zahl damit fast halbiert, sie lag 2023 noch bei 149.000 und 2025 bei 109.000. Trotzdem berichten 97 Prozent der Unternehmen, dass ihnen die Besetzung von IT-Stellen schwerfällt. Warum das kein Widerspruch ist und was daraus folgt.

Die Zahlen im Überblick

Grundlage ist die im September 2026 veröffentlichte Studie des Digitalverbands Bitkom zum Arbeitsmarkt für IT-Fachkräfte. Sie beruht auf zwei repräsentativen Befragungen von 853 beziehungsweise 602 Unternehmen ab drei Beschäftigten. Die zentralen Befunde:

  • Rund 79.000 offene IT-Stellen, nach 109.000 im Vorjahr und 149.000 im Jahr 2023
  • 97 Prozent der Unternehmen tun sich schwer, IT-Stellen zu besetzen
  • 78 Prozent beobachten weiterhin einen Mangel, 14 Prozent halten das Angebot für ausreichend, 5 Prozent sehen ein Überangebot
  • 76 Prozent erwarten, dass sich der Mangel in den kommenden Jahren wieder verschärft
  • Im Schnitt vergehen fast acht Monate, bis eine offene IT-Position neu besetzt ist

Warum der Rückgang keine Entspannung ist

Eine Halbierung in drei Jahren klingt nach Entspannung. Dann steht daneben, dass 97 Prozent der Unternehmen die Besetzung weiterhin schwerfällt und 76 Prozent mit einer erneuten Verschärfung rechnen. Beides passt nur zusammen, wenn man versteht, was die Zahl misst: Sie zählt ausgeschriebene Stellen, nicht verfügbare Fachkräfte. Weniger offene Stellen bedeuten vor allem, dass weniger ausgeschrieben wird.

Der aussagekräftigere Wert ist deshalb die Besetzungsdauer. Knapp acht Monate im Schnitt bedeuten für ein Unternehmen mit drei offenen Entwicklerstellen: Über ein halbes Jahr ruhen Aufgaben oder verteilen sich auf ein Team, das ohnehin ausgelastet ist. In spezialisierten Bereichen, Cloud Security, ML Engineering, verteilte Systeme, liegen die Zeiten noch darüber.

Die Kennzahl, die zählt

Nicht „wie viele Bewerbungen bekommen wir", sondern „wie viele Wochen vergehen zwischen Freigabe der Stelle und Vertragsunterschrift". Diese Zahl lässt sich beeinflussen, die Zahl der offenen Stellen bundesweit nicht.

Der eigentliche Engpass liegt vor der Auswahl

Der auffälligste Befund ist der mit dem geringsten Aufmerksamkeitsanteil: 97 Prozent der Unternehmen tun sich schwer, IT-Stellen zu besetzen, obwohl ein Drittel weniger Stellen offen ist als noch vor drei Jahren. Das verschiebt die Problemstellung grundlegend. Es geht nicht darum, aus einem schwachen Bewerberfeld die beste Person auszuwählen. Häufig gibt es schlicht kein Feld.

Für die Praxis folgt daraus, dass klassische Stellenausschreibung als alleiniger Kanal in Engpassrollen nicht mehr funktioniert. Wer ausschreibt und wartet, erreicht den Teil des Marktes, der aktiv sucht. Bei erfahrenen Spezialisten ist das ein kleiner Ausschnitt. Der größere Teil ist zufrieden beschäftigt und liest keine Jobbörsen. Diesen Personenkreis erreicht man nur über gezielte Direktansprache.

Vier Stellschrauben, die tatsächlich wirken

1. Anforderungsprofil auf das Notwendige reduzieren

Der häufigste Grund für ausbleibende Bewerbungen ist eine Anforderungsliste, die mehrere seltene Skills kombiniert. Jeder zusätzliche Pflicht-Skill verkleinert den erreichbaren Personenkreis multiplikativ. Die produktivste Stunde im gesamten Prozess ist die, in der Sie mit der Führungskraft durchgehen, welche Anforderungen wirklich am ersten Tag vorhanden sein müssen und welche in drei Monaten aufgebaut werden können.

2. Gehaltsband ehrlich gegen den Markt prüfen

Gehaltsvorstellungen, die nicht zum gewachsenen Gefüge im Unternehmen passen, gehören laut Bitkom zu den meistgenannten Hürden. Das ist selten ein Verhandlungsproblem, sondern meist ein Kalibrierungsproblem: Das Band wurde vor zwei Jahren festgelegt und seitdem nicht angepasst. Ein Marktabgleich vor der Ausschreibung kostet wenig und verhindert eine Suche, die von Beginn an nicht aufgehen kann.

3. Prozessgeschwindigkeit als Wettbewerbsfaktor behandeln

Gute Kandidaten in Engpassrollen sind selten länger als zwei bis drei Wochen am Markt. Wer drei Gesprächsrunden über sechs Wochen verteilt, verliert nicht gegen das bessere Angebot, sondern gegen das schnellere. Zwei Runden innerhalb von zehn Tagen sind in fast jeder Organisation machbar, wenn die Termine vorab geblockt sind.

4. Internationale Kandidaten ernsthaft in Betracht ziehen

Fehlende Deutschkenntnisse werden regelmäßig als Hürde genannt. In Berliner Tech-Teams, die ohnehin auf Englisch arbeiten, ist diese Anforderung häufig ein Reflex und keine echte Notwendigkeit. Wer sie streicht, vergrößert den Pool erheblich, muss dafür aber Onboarding, Visa-Prozess und Relocation tatsächlich unterstützen und nicht nur erlauben.

Der Blick nach vorn

Längerfristige Prognosen deuten nicht auf Entspannung hin: Der demografische Wandel entzieht dem Arbeitsmarkt jedes Jahr netto mehrere Hunderttausend Arbeitskräfte, und die Zahl der Informatik-Studienanfänger wächst zu langsam, um das auszugleichen. Der überwiegende Teil der befragten Unternehmen rechnet damit, dass sich die Lage verschärft.

Gleichzeitig verändert sich die Nachfrage. Durch den seit August 2026 durchsetzbaren EU AI Act entstehen Rollen im Bereich Governance und Compliance, für die es kaum eingeübte Karrierewege gibt. Mehr dazu in unserem Beitrag zu neuen Rollen durch den EU AI Act.

Häufige Fragen

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Autor: Siamak Mohtachemi

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Quellen: Bitkom Studienbericht Arbeitsmarkt für IT-Fachkräfte, eigene Vermittlungsdaten

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