Arbeitsmarkt

Digitale Souveränität: Wer soll die offenen Systeme eigentlich betreiben?

Siamak Mohtachemi•23. September 2026
Administrator in einem Verwaltungsbüro am Abend vor zwei Bildschirmen, links ein laufendes Update im Terminal, daneben eine abgehakte Migrationscheckliste

Datenstand: September 2026

Die Kieler Staatskanzlei arbeitet seit dem 19. September weitgehend ohne Windows. Über 200 Arbeitsplätze laufen auf Linux, rund 20 bleiben wegen einzelner Fachverfahren bei Microsoft.

Das ist der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die seit zwei Jahren an Fahrt gewinnt. Und sie wirft eine Frage auf, die in der Debatte über Lizenzkosten und Souveränität kaum vorkommt: Wer soll das eigentlich betreiben?

Was in den Ländern tatsächlich passiert

Schleswig-Holstein ist am weitesten. Im Oktober 2025 zog das Land mehr als 40.000 Postfächer von Exchange und Outlook auf Open-Xchange und Thunderbird um. Seit Dezember 2025 arbeiten nach Angaben des Landes rund 80 Prozent der Arbeitsplätze außerhalb der Steuerverwaltung mit LibreOffice. Digitalminister Dirk Schrödter nennt für 2026 eingesparte Lizenzkosten von über 15 Millionen Euro bei einmaligen Investitionen von etwa neun Millionen.

Mecklenburg-Vorpommern hat im Juli 2026 den Umstieg von SharePoint auf Nextcloud abgeschlossen, betrieben vom landeseigenen IT-Dienstleister DVZ M-V.

Auf Bundesebene betreibt das ZenDiS, das Zentrum für Digitale Souveränität der Öffentlichen Verwaltung, die Plattform openCode und die Office-Suite openDesk. Seit März 2026 berücksichtigen die EVB-IT, also die standardisierten Vertragsbedingungen für die IT-Beschaffung der öffentlichen Hand, erstmals auch Open-Source-Lösungen. Das klingt technisch, ist aber der praktische Hebel: Ohne passende Vergabebedingungen lässt sich offene Software kaum beschaffen.

Einheitlich ist die Entwicklung nicht. In Bayern will das Finanzministerium den Microsoft-Vertrag um fünf Jahre verlängern, während die Opposition den Ausstieg fordert.

Auch Unternehmen rechnen neu, kommen aber nicht weit

Der Cloud Report des Bitkom vom Juni 2026 zeigt, wie breit das Thema inzwischen ist. 64 Prozent der Unternehmen, die Cloud nutzen, überdenken ihre Strategie wegen der Politik der US-Regierung. 91 Prozent dieser Gruppe würden deutsche Anbieter bevorzugen.

Dann kommt die Zahl, die das Bild dreht: 43 Prozent sagen, für ihre Anforderungen gebe es derzeit keine gleichwertigen europäischen Alternativen.

Das ist kein Streit über Ziele. Das ist ein Umsetzungsproblem. Und Umsetzungsprobleme sind in der IT fast immer Personalprobleme.

Die Frage, die in der Debatte fehlt

Eine Migration von Exchange auf Open-Xchange ist kein Lizenzwechsel. Jemand muss den Mailserver betreiben, Kalender und Adressbücher sauber überführen, die Anbindung an vorhandene Fachverfahren herstellen, Rollen und Rechte abbilden und einen Betrieb aufsetzen, der auch um drei Uhr morgens funktioniert.

Bei proprietärer Software kauft man einen erheblichen Teil dieser Arbeit mit ein. Bei Open Source nicht. Der Support ist entweder ein Dienstleistungsvertrag oder eigenes Personal. Meist beides.

Netzpolitik hat in der Debatte um Bayern auf die Gefahr hingewiesen: Wer auf offene Lösungen umsteigt, ohne die Personalplanung zu ändern und in Fachkräfte zu investieren, landet im nächsten IT-Chaos. Der Verweis geht auf LiMux in München, wo die Rückabwicklung am Ende teurer war als der Umstieg.

Warum der Vergleich mit München hinkt, aber trotzdem trägt

LiMux scheiterte nicht an Linux, sondern an fehlender Unterstützung in der Verwaltungsspitze und an Fachverfahren, für die es keine Alternative gab. Beides hat sich geändert: Es gibt heute ZenDiS, openDesk und eine politische Rückendeckung, die München nie hatte. Was sich nicht geändert hat, ist der Personalbedarf. Wer Systeme selbst betreibt, braucht Leute, die das können.

Welche Profile diese Migrationen brauchen

Aus den beschriebenen Projekten lässt sich ableiten, welche Rollen dahinterstehen. Eine belastbare Statistik über den entstehenden Bedarf gibt es nicht, dafür sind die Projekte zu jung und zu verteilt.

  • Linux-Systemadministration. Nicht Desktop-Support, sondern Betrieb: Paketverwaltung, Automatisierung, Härtung, Patch-Management über Tausende Arbeitsplätze.
  • Betrieb offener Kollaborationsplattformen. Nextcloud, Open-Xchange, Matrix. Erfahrung mit diesen Systemen im Produktivbetrieb ist am Markt deutlich seltener als Exchange- oder SharePoint-Erfahrung.
  • Identity und Access Management. Der unterschätzte Teil jeder Migration. Keycloak, LDAP, Single Sign-on über verschiedene Systeme hinweg.
  • Migrationsprojektleitung. Menschen, die eine Umstellung über mehrere Behörden koordinieren und gleichzeitig verstehen, was technisch möglich ist.
  • Anwendungsentwicklung für Fachverfahren. Die Verfahren, die in Kiel weiter auf Microsoft laufen, sind genau die Stellen, an denen offene Alternativen fehlen. Jemand muss sie bauen.

Auffällig ist die Überschneidung mit Profilen, die ohnehin knapp sind. Wer Kubernetes im Produktivbetrieb verantwortet hat oder Identity Management aufsetzen kann, bekommt in der Privatwirtschaft Angebote, ohne zu suchen. Die Einordnung der Gehaltsbänder dafür steht in unserem Beitrag zu Cloud- und DevOps-Rollen.

Der Wettbewerb, den die Verwaltung führen muss

Hier liegt die unbequeme Seite. Die öffentliche Hand zahlt nach Tarif. Die Entgeltordnung des TVöD ist für IT-Spezialisten nur begrenzt durchlässig, und Zulagen für einzelne Profile sind die Ausnahme.

Gleichzeitig sucht die Verwaltung dieselben Leute wie Berliner Tech-Unternehmen. Laut der im September 2026 veröffentlichten Bitkom-Studie fehlen bundesweit rund 79.000 IT-Fachkräfte, und 97 Prozent der Unternehmen tun sich mit der Besetzung schwer. Was das für die Besetzung bedeutet, ist hier ausführlicher beschrieben.

Was die Verwaltung anbieten kann, ist trotzdem nicht wenig: Systeme, die man wirklich selbst verantwortet statt Lizenzen zu verwalten, Arbeit an quelloffener Software, die öffentlich einsehbar ist, und eine Aufgabe mit erkennbarem Zweck. Für einen Teil der Kandidaten wiegt das schwerer als 15.000 Euro Unterschied. Für einen anderen Teil nicht.

Für Kandidaten

Wenn dich die Richtung interessiert: Der Einstieg läuft häufiger über die IT-Dienstleister der Länder als über die Behörden selbst. DVZ M-V betreibt die Nextcloud-Umgebung für Mecklenburg-Vorpommern, Dataport arbeitet für mehrere norddeutsche Länder. Dort sind die Rollen technischer zugeschnitten und die Eingruppierung ist oft beweglicher.

Was daraus für den Markt folgt

Drei Beobachtungen, jeweils mit unterschiedlicher Sicherheit.

Belegt: Der Umstieg findet statt, nicht nur als Ankündigung. Kiel, 40.000 Postfächer in Schleswig-Holstein, Nextcloud in Mecklenburg-Vorpommern und angepasste Vergabebedingungen seit März 2026 sind vollzogene Schritte.

Gut gestützt: Daraus entsteht Bedarf an Profilen, die heute vor allem in der Privatwirtschaft sitzen. Die 43 Prozent der Unternehmen ohne gleichwertige europäische Alternative beschreiben dieselbe Lücke aus anderer Richtung.

Offen: Ob die Verwaltung diese Leute gewinnt. Das hängt weniger an der Technik als an Eingruppierung, Entscheidungswegen und der Frage, ob jemand die Systeme wirklich verantworten darf oder nur bedienen.

Für Entwickler und Administratoren heißt das: Ein Marktsegment, das jahrelang als unattraktiv galt, wird gerade interessant. Nicht über das Gehalt, sondern über die Aufgabe.

Häufige Fragen

Autor: Siamak Mohtachemi

LinkedIn-Profil

Quellen: ingenieur.de zur Umstellung der Kieler Staatskanzlei, September 2026; Computerwoche zu digitaler Souveränität in den Fachabteilungen, August 2026, mit Angaben des Landes Schleswig-Holstein und zum Abschluss der Nextcloud-Migration in Mecklenburg-Vorpommern; Bitkom Cloud Report, Juni 2026; ZDF zur Position des Bundesdigitalministeriums, März 2026; netzpolitik.org zur Debatte im Bayerischen Landtag, Januar 2026; ZenDiS zu openCode, openDesk und der Überarbeitung der EVB-IT vom 20. März 2026; Bitkom, Arbeitsmarkt für IT-Fachkräfte, September 2026. Datenstand dieses Beitrags: September 2026.

Sie besetzen Linux- oder Open-Source-Rollen?

Profile mit Produktionserfahrung in offenen Systemen sind am Markt selten und arbeiten meist bereits woanders. Schildern Sie uns die Rolle, Sie bekommen eine ehrliche Einschätzung zur Besetzbarkeit.

Position besprechen

Lassen Sie uns sprechen

Ob Sie IT-Talente suchen oder Ihre Karriere voranbringen möchten. Wir sind Ihr Partner.

Kontakt aufnehmen